
Januar23
Jetzt bin ich bis heute in diesem Jahr noch gar nicht zum bloggen gekommen. Aber das ist ja auch ganz klar. Ich war so nah und doch so fern, oder so ähnlich. Wie das kommt?
Ich habe wie man dem unten stehenden Bild entnehmen kann, eine kleine aber feine Zeitreise gemacht. War zwar nicht so ganz geplant, eher spontan, aber unverhofft kommt schließlich oft. Der Zug der mich eigentlich nur von Bonn zurück nach Köln bringen sollte ließ mich zugleich auch tief in die Zukunft Blicken.
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September12
Irgendwann wagte ich es doch tatsächlich hier zu behaupten, man könne im Herbst ins Theater gehen. Nun beginnt schon bald der zweite Herbst seit dieser optimistischen Ankündigung und immer noch nix mit Theater. Also zumindest nicht mehr als gewöhnlich und gewöhnlich wollen wir doch eigentlich nicht sein…
„Mein lieber Herr Möbius, sie haben Besuch“
(z.dt.: Herr Initiator hörst du mich? Die anderenTeilnehmer natürlich auch!)
Es grüßt herzlichst,
in weltherrschaftlicher Aufbruchsstimmung,
das Frl. Dr. v. Zahnd in spe

April7
Manchmal neigt man ja dazu zu meinen das alles auf der Welt sehr, sehr super ist. Manchmal tut man das nicht. So ist das Leben. Für die ersteren Momente, also jene sondergleich wundervollen, des seins finden sich leicht angemessene Superlative. Bleibt die Frage welche angemessene Wortwahl man aber im zweiten fall treffen kann? Keinesfalls sollte man sich dem Risiko hingeben die Situation durch unsachgemäße Ausdrucksweise zu verschlimmern. Wer einen kurzen Augenblick in diese Überlegung zu investieren bereit ist wird mir schnell zustimmen, es gibt nur eine Lösung: Diese Welt braucht mehr Protz- Schimpfwörter.
Aus jahreszeitlicher sicht, vielmehr im anbetracht des nahenden Festtages, ist dieser Zeitpunkt besser als jeder andere geeignet um einen ganz besonderen Neuling hervorzuzaubern. Nachdem vor einiger Zeit der gern gebrauchte „Bagalut“ den Anfang machen durfte kommt heute das großartige „oviform“ neu hinzu.
Sowie der Bagalut sich durch seinen alten englischen Ursprung auszeichnet, so zeichnet sich oviform durch seine lateinischen Wurzeln aus. „ovis“ ist das „Schaf“, „form“ ist, ja was wohl, „Form“ oder auch „ähnlich“. Wir haben hier also eine Möglichkeit den Rest der Welt auf sein Schafförmiges oder Schafähnliches betragen aufmerksam zu machen. Für mich persönlich hängt oviform zusätzlich auch untrennbar mit Englisch zusammen.
Es handelt sich hierbei nämlich um ein kleines Relikt aus meiner Schulzeit. Mein früherer English Teacher (nennen wir ihn dr.v.D.) ist ein sehr interessanter Mensch. Eine unglaubliche Allgemeinbildung, Wortgewandt ohnegleichen und ebenso sarkastisch wie ungeduldig wenn mal wieder ein langsamerer Tag war.
Langsame Tage waren bei dieser Klasse wiederum keine Seltenheit. Wenn sich mal wieder das versammelte Team von nicht gerade überdurchschnittlich motivierten, jedoch für dieses Alter bereits mit einem außergewöhnlichen Teamgeist ausgestatteten, Teens im Kollektivschweigen und woanders hinschauen übte, ja dann nahm es seinen Anfang.
Es verging kaum eine Woche ohne den schönen Satz des dr.v.D: „Jetzt guck nicht so oviform!“ Wahlweise wurde diese Aufforderung mit einem Namen Versehen, also quasi personalisiert, oder mit einer immer wieder eindrucksvollen Beweisführung untermauert.
Bei dieser Art von Beweisführung spielt die Gestik eine ungemein wichtige Rolle. Man werde sich der Existenz einer (tunlichst der eigenen) linke Hand gewahr. Hiervon ist nun der Zeigefinger von größter Bedeutung. Jetzt kommt es sehr darauf an die folgenden beiden Schritte synchron auszuführen. Der nächste Satz ist quasi die Spitze der bereits begonnenen Provokation: dr.v.D: „ In America.“ Und in eben diesem Satz nutze man die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger um eine ganz und gar nicht kleine und ebenso wenig unauffällige Geste auszuführen. Man weise schlichtweg mit viel Ausdruck auf ein Stück freien Boden neben sich. Dabei spreche man obiges aus. Das ist alles.
Ich bin mir nie so ganz einig geworden ob das nun nur mit leicht konditionierten Gymnasiasten funktioniert oder einfach wirklich ein Reflex ist. Wenn es ein Reflex ist dann ein sehr merkwürdiger, den ich mir dank meines mehrjährigen Trainings weitestgehend abgewöhnen konnte. Der Schüler an sich zumindest starrte bei obigen Exempel meistens auf das Stück Boden auf das gewiesen wurde. Nicht, dass das auch nur im Entferntesten mit „America“ zu tun hätte. Der English Teacher war zumindest meist „hocherfreut“ wenn sein test wieder nicht bestanden wurde. Aber wer so schön oviform in die Gegend schauen kann wie wir damals….
Also, wenn das nächste Mal einer wider so gar nix rafft oder einfach nur nervig in die Gegend schaut, besinnen wir uns einen Augenblick und dann: „Mensch jetzt guck net so oviform!“
Ich wünsche euch allen Frohe Oster Feiertage! Die armen Lämmer dürfen sich ruhig schon im oviform dreinschauen üben, wo sie doch sonst selten genug die ausreichende Beachtung finden wenn sie dergleichen tun.

November30
Neulich am Bahnhof. Nachdem ich diverse male an diesem Plakat (also nicht provoziert mehrfach hintereinander sondern an verschiedenen Tagen) vorbeilief und jedes Mal aufs Neue stutze erscheint mir eine Erwähnung an dieser Stelle angemessen. Beim betrachteten Objekt handele es sich um ein Plakat einer christlichen Organisation. Die Aussage ist folgende:
“Weihnachten ohne Christus ist wie eine Geldbörse ohne Inhalt (das wichtigste fehlt)”.
Interessante These, über die ich, während ich so in der Kälte stand, ein wenig nachdachte. Denn ob der Wortwahl erinnerte ich mich an etwas. Hinzu kam der wie ich finde doch etwas kritisch zu betrachtende Teilaspekt ob man denn in der heutigen Zeit wirklich einen direkten Zusammenhang zwischen Christus und den monetären Gütern dieser Welt provozierend herstellen muss um gehört zu werden? Das ist aber eher eine Glaubensfrage und soll hier nicht, oder zumindest nicht direkt, Gegenstand werden. Was mich an diesem Plakat letztendlich zum schmunzeln brachte war, wie gesagt, eine Erinnerung. Nur eine Kleinigkeit, die aber durchaus hierher passt, da es um die Wortwahl geht. Der Gebrauch des Wortes “Geldbörse” auf dem Plakat stach mir sofort ins Auge. Wann wurde dieses denn so ganz persönlich, selber aus freien Stücken, mal laut ausgesprochen? Fragt man wirklich eher: “Reichst du mir bitte mal meine Geldbörse?” oder nicht doch vielmehr: “Bitte gib mir mal mein Portemonnaie?” Wann und wer benutzt denn “Geldbörse” in dem Sinne, dass er es laut sagt? Eher selten, oder? Nun, es verhält sich so, dass mich das Plakat daran erinnert wie jemand ebendiesen seinen Gebrauchsgegenstand in ungefähr der neunten Klasse nicht auffinden konnte. (ich vermeide es an dieser Stelle absichtlich mich für eines der beiden Worte zu entscheiden. Welches der beiden ich wählen würde wenn ich eine Wahl vollzogen hätte möge der geneigte Leser im Anschluss an die Lektüre selber versuchen zu eruieren) Bei dem Versuch herauszufinden ob sich der gesuchte Artikel nicht vielleicht vergessener weise zuhause befand fügte es sich glücklicherweise, dass man sich chronologisch gerade kurz nach dem Beginn der Handy Ära befand und so wurde eine sms an die daheim gebliebene Mutter verfasst. Diese sms sah dann wohl folgendermaßen aus (nur eine ungefähre Idee, mir wurde davon im Anschluss von der Person selber erzählt) “[…] habe ich meine Geldbörse zuhause liegen lasse? […]” Für die neunte Klasse ob der ungewöhnlichen Wortwahl eine eher gewagte Frage.Ich gehe mittlerweile, zumindest nachdem ich einen morgen als ich auf den (mal wieder unwahrscheinlich viel verspäteten Zug wartete) darüber nachgedacht habe, davon aus das Wörter wie “Geldbörse” in den meisten Fällen aus einer Art Zwang heraus verwendet werden und zwar in ebensolchen sms.In dem erläuterten Fall war der Auslöser der, dass das T9 des verwendeten Handys das Wort “Portemonnaie” nicht kannte. Natürlich hätte man dann auch die Verwendung von T9 verzichten können ( was dann ja auch den netten side Effekt gehabt hätte, dass es fürderhin das Wort kennt) aber wenn man gerade erst Kauderwelsch herausbekommen und wider gelöscht hat greift man denke ich reflexartig doch gerne auf irgendein Wort zurück das T9 existent ist und bei dem man sich über die Schreibweise gar keine Gedanken machen muss.
Mein aktuelles Handy kennt übrigens keines der beiden Worte. So ist das eben. Könnte man jetzt zwar nicht gerade als Fortschritt bezeichnen, aber es ist auf jeden Fall interessant. Vielleicht ist das auch ein subtiler Versuch den Sprachgebrauch auf verschiedenen Ebenen zu beeinflussen. Zumindest lassen sich ähnliche Beispiele als Beleg anführen. Mein Handy kennt zum Beispiel auch das Wort ” Baguette” nicht, was mich kürzlich dazu veranlasste mitzuteilen ” Ich hab leider kein Stangenweißbrot mehr bekommen.” Denn das kennt mein Handy wundersamer weise. Witzig daran war dann auch, dass diese sms an ebenjene Person aus obigen Beispiel ging. So war zumindest allen beteiligten sofort klar was mich zu dieser Wortwahl veranlasst hatte. Insgesamt geben solche Dinge Regelmäßig Anlass zur Erheiterung. Wenn meine Theorie stimmt und dies ein Versuch ist den Deutschen Sprach Gebrauch zu beeinflussen, dann muss ich zugeben war es bei mir zumindest ein Stückweit erfolgreich. Seitdem sage ich nämlich bei bestimmten sehr unpassenden Gelegenheiten dinge wie: ” Und bring noch Stangenweißbrot mit, aber vergiss deine Geldbörse nicht.”. das ist dann zwar eine ironisch zu verstehende Anspielung auf eine Umständlichkeit in der Situation aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich diese Worte manchmal doch nutze. Im Anschluss an diese Gedankliche Zeitreise auf meiner fahrt zur Uni habe ich ein paar Kommilitonen animiert ihre Handys auf diese beiden Kandidaten zu testen. Bisherige Ergebnisse: drei Handys kennen beide Wörter, zwei Handys kennen nur die Geldbörse, und zwei Handys kennen keins von beiden. Für mich war das auf jedenfall eine hervorragende Gelegenheit mal wieder darüber nachzudenken warum man welche Wörter wählt. Mein Fazit: zu viel mehr als zum drüber amüsieren eigenen sich die von T9 (also ‘ihnen’) preferierten Vokabeln eher nicht. Wenn dieser Umstand ausreichend vielen Menschen bewußt geworden ist, dann ist der Markt reif für die Protzwort lastige T9 Erweiterung.

Juni7
Die Entdeckung des Protzwort seins läßt sich Rückblickend recht genau auf den 29.10.2005 datieren. Nach einem vorhergehenden etwas längerem Abend und ebenso kurzer Nacht, entstand abends ein gewohnt tiefsinniges Gespräch mit einem guten Freund über Sprache im heutigen Gebrauch. Ich bin bekennende Linguistin aus Freude an wohlklingenden Wörtern , ich betrachte Linguismus als eine förderungswürdige, leider nicht sehr weit verbreitete und weitestgehend unterschätzte Krankheit. Wörter wie fürderhin faszinieren mich und ich bin bemüht solch außergewöhnliche und vom vergessen bedrohte Brokat Brocken der Wortkunst zu finden und zu nutzen. So kam es beinahe zufällig zur Entdeckung des ersten anerkannten, mittlerweile legendären Protzwortes : Vestibül. Ein Wort das aufmerken und nachdenken läßt. Es setzt Akzente im Redefluß. Es läßt sich auf jede erdenkliche Art sagen und meinen, es bringt Farbe in das Gesprochene. Im selben Moment wurde Protzwort geschaffen.
Protztwörter, das sind Wörter die zu benutzen eine Ode an die Sprache selbst ist. Sie lassen Abstand nehmen von Platitüden, führen die Sprache erst zu der ihr möglichen Vielfalt.
Mit der Entdeckung der Protzwörter kamen viele neue Ideen, von denen nun eine, dank meiner Kommilitonen, umgesetzt werden kann. Haben wir doch alle seit diesem Abend oft von, mit und über Protzwörter im Allgemeinen und die sich bietenden Möglichkeiten, die Welt den Protzwörtern zu öffnen und die Protzwörter der Welt, philosophiert. So habe ich es mir zum Ziel gemacht in diesem Blog Protzwörter und auch anderes, was das Leben bereichert aber häufig nicht ausreichend wahrgenommen wird, zu verewigen.
Den Anfang machte wie gesagt das Vestibül, was salopp gesagt eine repräsentative Eingangshalle, also die heutige Diele, beschreibt. Es handelt sich bei diesem Wort also um ein hervorragendes Exempel meiner Idee: jeder hat es, keiner sagt es, niemand weiß es.
Doch das wird jetzt anders!